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Claudius Hagemeister:
Wo es lang geht!
Ich wurde von meiner Lateinlehrerin sexuell mißbraucht. Mehrmals.
Jedesmal, wenn sie zu Beginn ihrer Stunde durch die Reihen lief,
um jedem über die Schulter zu sehen und die vollständige
wie sorgfältige Anfertigung der am Schluß der vorangegangenen
Stunde erteilten Hausaufgabe zu kontrollieren, ließ sie, wenn
die Reihe an mich gekommen war, ihren gewaltigen Busen auf meinem
Kopf ruhen. Die ganze Klasse feixte, und die Demütigung war
unerträglich.
Konzentriert erinnert sich Ludger an schlimme und beschämende
Erlebnisse seiner Kindheit, um sich auszunüchtern. Sein Abend
ist verdorben, und er will nicht auch noch kotzen müssen.
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Sie hatten angeregt
geplaudert und stetig getrunken, und Ludger hatte das sichere Gefühl
verspürt, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die
Bar verlassen und eine der Wohnungen aufsuchen würden. Alles
war gut gelaufen, bis er mittlerweile spürbar angetrunken
aus nicht mehr nachvollziehbarem Antrieb mit Bettgeschichten
zu prahlen begann und auch nicht damit aufhörte, als zwischen
ihren Augenbrauen ein fingerdicker senkrechter Wulst aufgetaucht
war. Sie verließ ihn unter fadenscheinigem Vorwand.
Betrunken schlingert Ludger den Gehweg entlang ein riskantes
Unternehmen, gibt es hier doch nichts, was Halt bietet, wohingegen
auf der Straßenmitte periodisch auftauchende weiße Streifen
Orientierung verheißen. Den Blick an diese Streifen geheftet,
an denen er sich voranzuhangeln beschließt, betritt er die
Fahrbahn und wird von einem Lastkraftwagen, der brandenburgische
Milchprodukte ausliefert, angefahren und wenige Meter geschleudert.
Während der kurzen Flugzeit projiziert sein Hirn die Vorstellung
auf die imaginäre Leinwand vor seinem inneren Auge, Außerirdische,
die flauschig und androgyn sind, hätten ihn aufgegriffen, ihn
in ihr Raumschiff gezerrt und flögen nun mit unvorstellbarer
Geschwindigkeit durch das Weltall. Er ist, als er im Bauch eines
Krankenwagens wieder zu sich kommt, ein wenig erschüttert von
der grenzenlosen Trivialität dieser Vorstellung; allgemeinhin
heißt es doch, sinniert er, daß im Moment des Sterbens
das eigene Leben wie ein Film an einem vorüberziehe. Womöglich
besitzt diese herkömmliche Form der Todeserfahrung in Zeiten
medialen Overkills, so mutmaßt er, keine Gültigkeit mehr.
Der Krankenwagen rast mit quietschenden Reifen um eine Straßenecke.
Dahinter prallt er gegen einen genieteten Stahlträger, der
zu einem Hochbahnviadukt gehört. Es gibt einen lauten Knall,
dann ist es plötzlich ganz still.
Trotz seiner Verletzungen springt Ludger aus dem lädierten
Wagen und flieht, er weiß nicht wovor, in die Nacht.
Anna ist unzufrieden.
In ihrem Leben, davon ist sie überzeugt, läuft etwas falsch.
Vor Vollendung ihres dreißigsten Lebensjahres, so hatte sie
es sich immer vorgestellt, werde sie wissen, was sie will; sie werde,
so hatten es ihre Entwürfe vorgesehen, Entscheidungen getroffen
haben, die ihrer Identität eine Kontur verliehen hätten;
das selbst gesetzte Ultimatum jedoch ist ergebnislos verstrichen.
Sie muß etwas unternehmen, um Orientierung zu gewinnen. Sie
beschließt, trinken zu gehen. Allein.
An der nächsten Straßenecke sieht sie einen Krankenwagen,
dessen Bug einen genieteten Stahlträger umschlungen hält,
der zu einem Hochbahnviadukt gehört. Die Frontscheibe des Wagens
ist zersplittert, und in einiger Entfernung liegen zwei Weißgekleidete
reglos in Blutlachen. Andere Weißgekleidete kümmern sich
darum. Anna geht schnell weiter.
Ludgers Verletzungen
sind nicht gravierend: sein Brustkorb schmerzt ein wenig, und das
Gesicht weist Schürfwunden auf. Mit dem Ziel, sich das Blut
aus dem Gesicht zu waschen, betritt er eine Kneipe. In der dem Eingang
gegenüberliegenden Wand macht er zwei Türen aus, die mit
Menschen beider Geschlechter darstellenden Piktogrammen versehen
sind. Er taumelt darauf zu, kommt aber nicht weit; auf halber Strecke
wird er von der schneidenden Stimme des Wirts aufgehalten: "Ey!",
brüllt dieser, "du mit dem plattjeschlagenem Jesichte!
Mach, dit de rauskommst, Schläja woll'n wa hier nich'!"
Mit der Absicht, für seine Situation um Verständnis zu
werben und somit die Erlaubnis zur Benutzung der Toilette doch noch
zu erlangen, wendet sich Ludger um. Er hebt zu sprechen an, bekommt
aber nur ein unartikuliertes Lallen heraus. Der Wirt mißversteht,
brüllt: "hör jetz' sofort uff, hier meene Jäste
zu beläst'jen!", umrundet den Tresen, tritt Ludger mehrmals
sehr kräftig in die Hoden und wirft ihn hinaus.
Die Erinnerung an seinen Namen erlangt Ludger bereits nach wenigen
Minuten wieder: Ludger. Doch kann er sich beim besten Willen nicht
erinnern, wo er wohnt; er hat es einfach vergessen. Auch, nachdem
er eine ganze Weile durch die frische Nachtluft spaziert ist und
auch, nachdem er sich in einer McDonalds-Filiale in der er
trotz seiner Verletzungen kein Aufsehen erregte mit eiskaltem
Wasser das Blut aus dem Gesicht gewaschen hat, kann er sich an seine
Adresse nicht erinnern. Es will ihm auch partout nicht gelingen,
seine Gedanken auf das Problem zu fokussieren.
Zwei Prostituierte kicken sich mit ihren hüfthohen weißen
Lackstiefeln eine leere Bierdose zu. Als Ludger an ihnen vorübergeht,
unterbrechen sie das Spiel. "Komma her, kleener Strolch!",
ruft ihm eine der Beiden zu. Ludger winkt ab. "Bist keen kleener
Strolch, nee?", erkundigt sie sich und tritt erneut gegen die
Bierdose.
Während Ludger weiterschleicht, kommt ihm die Frage in den
Sinn, ob Schnecken um ihre Befähigung zu mehrtägigem Sex
wohl zu beneiden seien. Er hätte große Lust, denkt er,
es den Schnecken einmal gleichzutun. Allerdings, grübelt er,
wäre er diese Tage oder zumindest viele, viele Stunden damit
beschäftigt, gegen einen vorzeitigen Orgasmus anzukämpfen.
Ein weiteres Problem wäre der Hunger; aber man könnte
ja Lebensmittel und Getränke in unmittelbarer Reichweite bereitstellen,
überlegt er, vielleicht wäre es ja sogar besonders sinnlich,
gleichzeitig zu essen; dezente Diener sollte man einstellen, deren
Aufgabe darin bestünde, Häppchen und Getränke zu
reichen, Platten aufzulegen und gelegentlich den Beteiligten feuchte
Schwämme an die Köpfe zu werfen, wie bei Radrennfahrern
üblich.
In einem Lokal hatte er einmal einen Salat gegessen, der offenbar
vor der Zubereitung nur flüchtig oder gar nicht geputzt worden
war, jedenfalls rutschte ihm plötzlich ein weicher und schleimiger
Brocken die Kehle herab zweifellos eine Schnecke, was er
allerdings nie überprüfen konnte, da seine Versuche, das
schleimige Etwas auf der Toilette wieder hervorzuwürgen, erfolglos
blieben. Trotz dieser unangenehmen Erinnerung hegt er keinen Groll
auf Schnecken, im Gegenteil: er empfindet sie als freundlich und
ihre Fähigkeit zu tagelangem Sex beachtlich.
Vom ziellosen Umherirren erschöpft pausiert er schließlich
in einer Bar, deren Besuch ausgebufften Nightlife-Profis lediglich
als Warm-up gilt, um anschließend in Clubs die Nacht durchzutanzen.
Das will sich Ludger ersparen, ist er doch in der Nachtschwärmerei
nie über das Level der Semi-Professionalität hinausgeschritten,
zum Tanzen zu ungelenk und stets viel zu früh ermüdet.
Er wäre froh, wenn ihm noch vor Morgengrauen seine Anschrift
wieder einfiele.
Anna betritt die Bar
und setzt sich auf den letzten freien Platz neben einen Knaben,
der leicht angegriffen aussieht. Sie findet ihn unsympathisch, denn
auch sie fühlt sich angegriffen, und so hat sie unweigerlich
das Gefühl, ihrer eigenen Karikatur gegenüberzusitzen.
Sie fühlt sich entblößt. Das mag sie nicht.
Nach einigen Getränken ist Anna bereit, die Möglichkeit
in Betracht zu ziehen, ihr Gegenüber könne mit Berechtigung
angegriffen aussehen, und mit wachsendem Interesse begutachtet sie
den grüblerischen Tischnachbarn.
Als Ludger bemerkt, daß Anna ihm verstohlene Blicke zuwirft,
zündet er den Impetus kaltschnäuziger Angriffslust. Er
leert sein Weizenbierglas, beugt sich an ihr Ohr, öffnet schwerfällig
den Mund und sagt: "Na?" Beinahe hätte er
"Schnecke" hinzugefügt, was er sich glücklicherweise
verkneifen kann. "Sag mal, bist du immer so originell?",
antwortet sie und wendet sich kopfschüttelnd ab. Ludger bestellt
ein weiteres Weizenbier.
Trotz dieses verunglückten Auftakts kommen die beiden ins Gespräch,
und es dauert nicht lange, bis sie feststellen, daß sie gegenwärtig
das gleiche Problem plagt: "Wir müssen herausfinden",
resümiert Anna nach leidenschaftlich geführtem Gedankenaustausch,
"wo es lang geht!"
Sie bleiben noch lange, plaudern angeregt und trinken stetig. Schließlich
gehen sie gemeinsam auf die Damentoilette, die jedoch zu eng ist,
um etwas anderes als Oralverkehr zu betreiben, was Anna ablehnt,
da sie kürzlich in der "Cosmopolitan" gelesen hat,
ein Samenerguß enthalte immerhin 35 Kalorien.
Morpheo Verlag Berlin
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