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Warnen (30.03.2004)
Man hat mich immer gewarnt! Das fing schon vor meiner Geburt an.
Allerdings war das eine indirekte Warnung, an mein Wirtstier gerichtet.
Man warnte damals mein Mutterschiff, waehrend der Schwangerschaft
keine halluzinogenen Drogen einzunehmen.
Hat sie nicht drauf gehoert. Und so war ich schon im Mutterleib voellig
verstrahlt, auf Mondstaub oder was weiss ich, unterwegs. In der
Gebaermutter
war das ja noch ganz chillig, aber die Geburt war ein arschkrasser
Trip. Da ist ein Licht am Ende des Tunnels. Von wegen. Fuer meine
voellige verdrogte Wahrnehmung sahen alle im Kreisssaal aus wie
sprechende neongruene
Sesambroetchen, das sah ich auf den ersten Blick! "ICH GEH DA NICHT
RAUS!" wollte ich schreien, aber da hatten mich die Broetchen schon
gefangen. Ich brauchte Wochen und Monate um mich von diesem Trip
zu
erholen. Und die Langzeitwirkungen erst. Das ganze erste Jahr meines
Lebens habe ich gedacht, meine Oma waere ein Flashback. Kein Wunder,
wenn sich immer so ein riesiger, faltiger Schaedel ueber einen
beugt und ruft: "Hutzi-tutzi-tutzi. Ei-gucki-schnucki-schnucki!" Vermutlich
war sie auch auf Mondstaub unterwegs. Und seit diesen traumatischen
Erfahrungen habe ich ein Problem mit Warnungen: Ich kann einfach
nicht drauf hoeren. "Spiel nicht mit deinem Essen!" und "Iss
nicht deine Spielsachen!" waren da nur der Anfang. Schlimmer
waren die Pipi-Warnungen. Zum Beispiel: "Piss nicht gegen den
Wind!" Oder der Winterklassiker:
"Iss nicht den gelben Schnee!" Die schlimmste missachtete Pipiwarnung
meiner Jugend war allerdings: "Piss nicht auf den Elektrozaun!".
Das tut weh, dass kann ich euch sagen. Aber wenn ihr denkt, das
waere uebel
gewesen, fragt mich mal, wie es mir heute geht. Wir haben doch um
uns rum einen regelrechten Warnwahn. Heute wird doch vor allem,
was
bei drei nicht auf den Baeumen ist, gewarnt. Ich bin mir voellig
sicher, dass es hierzulande mehr Warnschilder als Einwohner gibt.
Wir sollten
froh sein, dass die nicht waehlen duerfen, die Warnpartei haette
die eine klare Mehrheit im Bundestag. Obwohl es verlockt zu denken: "Das
ist doch heute schon so!" Man warnt uns vor globaler Erwþrmung,
Rindfleisch, Faltenbildung, Krieg, Globalisierung, Sex, Gewalt
und Mondstaub. Eigentlich
vor allem, was Spass macht. Das ist doch Warnsinn. Und mittendrin
ich, und ich kann einfach nicht drauf hoeren. Ich mach immer das,
wovor
gewarnt wird. Das einige, was mich nicht wirklich warnt, sind diese
neuen Moechtegerntodesanzeigen auf den Kippenschachteln. "Rauchen
kann toedlich sein!" Na und, ein Wattebausch, richtig eingesetzt,
kann auch toedlich sein. Und auf den Wattebauschpackungen steht
nie drauf: "Watte
kann toedlich sein!" Oder "Rauchen schaedigt die Spermatozoen!" Da
denkt doch auch jede: "War hab ich denn mit denen am Kopp?" Und
so weiter.
Wenn die Warnhinweise auf den Kippenschachteln eine Wirkung erzielen
sollen, muss man die jungen Menschen so ansprechen, dass sie das
auch
verstehen und wirklich Angst vorm Rauchen kriegen. Wie waere es mit:
"Rauchen schaedigt dein Handy!" oder "Rauchen laesst die Markennamen
auf deinen Klamotten unleserlich werden!" Der Oberschocker nicht
nur fuer HipHop-Kids waere jedoch: "Deine Mutter raucht!" Damit
waere
sicher ein besserer Effekt zu erzielen. Nur mir waere nicht geholfen.
Ich irre immer noch unwarnbar umher, missachte Stoppschilder, trinke
aus
dem Wasserhahn im Zugklo und ficke ungeschuetzt das System. Ich fahre
mit meinem Fahrrad rueckwaerts auf die Autobahn und studiere Philosophie!
Auf Magister! Ich piss im Liegen und kack im stehen! Man hat mich
immer gewarnt.
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