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Till
Mueller Klug:
Von Musen vergewaltigt
Sie lauerten am Zigarettenautomaten.
Sie packten meinen Freund, den Kurzfilmregisseur. Ich stand daneben
und war machtlos. Sie zwangen ihn, sechs Schachteln Lucky Strike
zu ziehen. Sie schleiften uns in seine Wohnung. Ich sah mit an,
wie sie einen Waschmaschinenschlauch tief in seinen Mund stießen.
Sie flößten ihm pechschwarzen Kaffee ein. Seine Augen
begannen zu glühen. Sie klemmten ihm eine Tastatur zwischen
die Finger, er stöhnte auf und mußte schreiben, Kaffee
schlucken, Kette rauchen, husten, spucken, weiterschreiben, weiterrauchen,
wieder husten, Schleimbrocken fielen in die Tastatur, einzelne Buchstaben
fielen aus, doch er mußte weiterschreiben, schlucken, husten,
spucken, um fünf Uhr morgens hatte er sein Kurzfilmdrehbuch
fertig, doch sie geiferten ihm ins Gesicht: "Wir wollen einen
Neunzig-Minuten-Spielfilm, Du Verlierer!" und er mußte
weiterschreiben, schlucken, husten, spucken, drei Tage lang hielten
sie uns gefangen, dann endlich schickten sie mich mit seinem fertigen
Drehbuch zur Post und ließen ihn bewußtlos in der Wohnung
liegen.
Wer sind diese Musen?
Wer schützt uns vor diesen Mösen?
Als er wieder zu sich
kam, ging er nicht zur Polizei. Ein Fehler. Sechs Wochen später
kamen sie ein zweites Mal. Sie überfielen ihn am selben Zigarettenautomaten.
Sie setzen ihm ihre scharfen, dunkelroten Fingernägel an die
Kehle. Er mußte seine Geheimzahl verraten und sie plünderten
sein Konto. Viel zu wenig Geld für einen 16 Milimeter-Spielfilm.
Sie zwangen ihn, Freunde und Familie anzuschnorren. Sie kündigten
seine Wohnung und warfen ihm einen versifften Baumwoll-Schlafsack
vor die Füße. Seitdem ist mein Kontakt zu ihm abgerissen.
Irgendwann sah ich sein Foto in der Zeitung. Er hatte tatsächlich
seinen Film gedreht. Einen Sommer lang war er ein bißchen
berühmt, doch der Winter ließ nicht lange auf sich warten.
Wer sind diese Musen?
Wer schützt uns vor diesen Monstern?
Jetzt steht er manchmal
nachts am Zigarettenautomaten. Er ist ein bißchen geschminkt.
Seit Ewigkeiten hat er nichts mehr zu Papier gebracht. Er wartet.
Er raucht den halben Automaten leer. Morgens verkriecht er sich
in seinen dünnen Schlafsack und sobald es dunkel wird, steht
er meistens wieder da. Ich hab versucht, mit ihm zu reden - hoffnungslos.
Er glaubt noch immer: eines Nachts werden sie wieder über ihn
herfallen. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, wechsle ich die
Straßenseite.
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