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Tanja
Dückers:
Geheime Botschaften
Die Stadt klimpert ihr Uhrwerk.
Absätze klappern ihr Staccato über Gullierändern.
Papierkörbe wiederkäuen Liebesgedichte,
und in den Straßenrinnsälen Berlins kleben die Utopien
der Buswartenden, die diese in dem Moment, wo sie
das Trittbrett des Busses besteigen, geschwind
von sich abstreifen.
In den Mülltonnen auf den zweiten Hinterhöfen warten
abgenagte Lutscherstiele unter Fischgräten, Kartoffelresten
und alten roten Socken. Unter leeren Geschirrspülflaschen,
abgebrochenen Absätzen, erbrochenen Mageninhalten,
zerrissenen Briefköpfen, zerknüllten Beschwerdebriefen,
schmierigen und zerplatzten Kondomen, einem zerfetzten
Horoskop und endlich ausrangierten häßlichen Hochzeitsgeschenken,
unter eitrigen Pflasterstreifen, knackenden Eierschalen, dunkelroten
Tampons, Stäbchen mit blutdurchsetztem Ohrenschmalz, unter
mit Hakenkreuzen dekorierten Zetteln, Gerichtsvorladungen und ausgerissenen
Reklameblättchen für Kapseln zur Erhöhung der männlichen
Leistungskraft, unter dreckigen Unterhosen, unter Beipackzetteln
von Tranquilizern und zerheulten Taschentüchern
wartet
mit unstillbarer Neugierde
der nasse, lechzende Boden der Mülltonne,
gefangen in seinem Grottendasein,
ein Spaltbreit Tageslicht, hin und wieder,
auf das nächste geheime Geständnis.
Tanja Dückers
(aus: Morsezeichen, Bonsai typArt Verlag, Berlin 1996)
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