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Sebastian Krämer:
Bonn - eine Vermutung
Ich habe mich gefragt:
Wenn ich nun einer von den andern wäre - es war schwierig,
sich hineinzudenken in die andern, denn die andern denken ja ganz
anders, dafür, daß sie anders denken, sind sie ja die
andern. Wenn ich also einer von den andern wäre - was ich machen
würde...
Ich würde Bonn angreifen.
Damit rechnet keiner.
Manche wissen gar nicht, daß es diese Ortschaft überhaupt
noch gibt.
Das ist doch kein Zustand. Tun wir weltweit etwas für die Bildung,
rufen wir sie wieder ins Gedächtnis. Nagasaki kannte vorher
hierzulande auch kein Schwein.
"Bonn ist nicht nur Bundeshaus und Langer Eugen und Regierungsviertel.
Bonn ist mehr: Hier errichteten die Römer eine römische
Legion. Hier residierte manch ein Kölner Kurfürst in barocker
Pracht. Von hier aus steuert aber auch die Deutsche Agentur für
Raumfahrtangelegenheiten die D-2-Mission in's All. Von hier aus
schafft die Telekom Verbindungen in alle Welt. Hier entwickeln Mathematiker
der Bonner Uni einen Mega-Chip der Zukunft." - Das ist alles
"bonn.de"-Originalzitat!
Bonn hat heute immernoch die größte Bundeskanzlerdichte
in der Republik, zumindest auf dem Friedhof. Bonn ist sowas von
daneben. Sowas abgelegtes, sowas von Vergangenheit.
Und eben deshalb würd' ich Bonn angreifen. Bonn ist das perfekte
Angriffsziel.
Letztlich zählt nur eins, mein Freund, und das ist: Menschen.
Menschen, die in Bonn sind, sogenannte Bonner. Mehr Begründung
braucht kein Mensch.
Menschen, das ist alles. Nennen wir es einfach "Aktion Mensch".
Männer, Frauen, Kinder, die erst leben und dann nicht mehr
leben, und sie haben Angehörigige im ganzen Land, bestimmt
auch in Berlin. Doch ganz egal, wohin die Bomben fallen, einen werden
sie schon treffen, und da einer wie der andre ist, ist einer immer
auch der andre, triffst du einen, triffst du alle. Einen in den
Kopf und alle anderen ins Herz!
Sind wir nicht alle ein bißchen BONN!
Diese beiden wackeligen Türme, die ja früher oder später
eh zu Boden gehen mußten! Jetzt mal ehrlich, hat denn dieses
Schauspiel ernstlich irgendwen gewundert?
Eine Nutte, die am Straßenrand steht, beide Hände in
die Hüften stemmt und ausruft: "Knallt mich, knallt mich,
heute gibt's mich gratis!" hätte größre Chancen,
nicht geknallt zu werden, als das WTC sie jemals hatte, aber Bonn,
das ist was andres! Brave Hausfrau, Mutter, (meinetwegen Einzelhandels-Fachverkäuferin),
kaum an Attraktivität zu unterbieten, weit und breit die hohlste
Nuß den Rheinstrom rauf und runter, wenn's da kracht, dann
kracht es aber richtig.
Alle werden sagen: Wenn es heute Bonn ist, ist es morgen Vanneeikel.
Guter Vorschlag! Vanneeikel. Aber bleiben wir zunächst bei
Bonn.
Terror hat jetzt einen neuen Namen: BONN!
Hast dir wohl gedacht, du bist schon aus dem Schneider, nix da,
hiergeblieben: BONN!!!
Endlich gibt es wieder Einschaltquoten beim Bericht aus BONN!
Vergeßt Pearl Harbour!
Wäre ja auch möglich, daß da unter der Fassade durchaus
nichts so harmlos ist, wie es uns scheint.
Daß da Waffen lagern, alte Pershing II-Raketen, nukleare Arsenale,
die die Welt erschauern ließen, wenn die Welt es wüßte,
scharfe Bomben in den Bonner Katakomben, Kopf an Kopf, da lagern
sie, und in der Tat, wenn man sie irgendwo nicht suchen würde,
dann gewiß in Bonn, wo man ja nicht einmal die Existenz von
Katakomben wähnt.
Sicherlich, es ist Vermutung. Die Vermutung von Vermutung um genau
zu sein.
Dürfen wir uns auf Vermutungen berufen? Alles ist Vermutung.
Wir vermuten notgedrungen, doch es kommt nicht darauf an, was wir
vermuten, sondern wann! Vermutung hat nur einen Sinn, wenn sie der
Welt zuvorkommt. BONN ist heute nur Vermutung. BONN kann morgen
schon Geschichte sein. Ich würde Bonn angreifen.
Wenn ich einer von andern
wäre.
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