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GEFUNDEN BEI "LYRIKZEITUNG"
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1 Artikel von Johanna
Merhof erschienen am 4. Jul 2003
Geschuettelt, nicht gereimt!
Der amuesierwillige Gro§staedter hat seine lyrische Ader entdeckt:
Das Poesiefestival
Berlin
Auf dem Dach eines Plattenbaus
steht ein Mann und sieht aus, als wolle er springen. Etwa 3000 Menschen
gucken zu. Sie starren siebzig Meter in den Nachthimmel, nippen
am Bier und halten den Atem an. Ein Chor setzt ein, und der Mann
geht. Geht die Hausfassade runter, taenzelnd, schwebend. "Kiek mal
an", japst eine Zuschauerin. An die Wand werden Bilder von Reisepaessen
und Grenzuebergaengen geworfen, von Kindern mit Furcht in den Augen.
Die australische Tanzgruppe "Legs on the Wall" und das Worldmusic
Ensemble Mara! eroeffneten das Berliner Poesiefestival 2003 mit
einer Sensation. "Homeland" basiert auf einem Poem des Dichters
Stefan Kozuharov und erzaehlt die Geschichte von Migration, von
einem Leben in der Schwebe. Die Zuschauer waren begeistert. Und
liegen damit voll im Trend. Poesie als Performance hat Zugkraft.
Dabei sah es fast so aus, als waere die gute, alte Lyrik ein Auslaufmodell.
Ein armes Ding. Elitaer und so was von egal. Denn: Wer liest schon
noch Gedichte? Ist Lyrik nur was fr Ewiggestrige? Im Gegenteil.
Selten war Lyrik so quicklebendig wie heute - nur nicht unbedingt
auf dem Papier. Die Poesie von jetzt lebt in Cafs, Clubs und auf
der Stra§e. Gedichte werden geschrien, hingerotzt und gesungen,
und am Ende wird ordentlich getanzt und gefeiert. In Berlin platzen
Leseorte wie das Kaffee Burger regelm§ig aus allen Naehten. Der
amuesierwillige Gro§staedter hat seine poetische Ader entdeckt -
fernab von literaturwissenschaftlichen Zirkeln. Die Lyrik pulsiert
dort, wo man sonst ganz unprosaisch ins Bierglas glotzt. Hauptsache
ist, sie unterhaelt und zwar mit einem extrabreiten Augenzwinkern.
Oder mit ein paar Special Effects. Krisenzeiten sind Lyrikzeiten.
Schlie§lich waren Gedichte noch nie ein Kassenschlager, und waehrend
Belletristik und Popliteratur derzeit abstuerzen, kann die Poesie
nur wissend kichern - sie war schon immer unten. Ein solcher Verliererstatus
bietet Narrenfreiheit, und so hat sich die Lyrik in den letzten
Jahren unbemerkt ihre Nischen gesucht. Keine andere Literaturform
flirtet so hemmungslos mit anderen Kuensten und medialen Formen.
Es verwundert nicht, dass sich auch das ernstgemeinte Poesiefestival
nun ganz aufs performte Wort verlaesst. Ob als Klangexperiment oder
Tanzperformance - das Moderne regiert, es wird mit leichter Hand
geschuettelt, nicht gereimt. Oder schwer diskutiert. Und zwar im
gro§en Stil: "Quo vadis, Gedicht?" lautet die Gretchenfrage der
Woche, doch um Antworten druecken sich die Herren und Damen Schriftsteller
eloquent herum. Bei "Apropos Poesie" in der Backfabrik geht's um
Lyrikkritik. Kaum einer ist da, und am Ende ist klar, dass nichts
klar ist. "Wer Gedichte veroeffentlicht, wirft ein Rosenblatt in
den Grand Canyon und wartet auf das Echo", hei§t es bei Donald Marquis,
und die Herren Autoren plaedieren fr gespitzte Ohren. Ein bisschen
selbstgerecht und lahm das Ganze. Gedichte sind doch hochmodern.
Sie sind kurze, rhytmische Meisterwerke. Die Clubs haben sie schon
erobert, wann verfuehren sie endlich den Buchmarkt? Et voil: Die
Hoffnung ist blau, dick und doch handtaschentauglich. Sie hei§t
"Lyrik von jetzt" und vereint jeweils vier Gedichte von 74 jungen
Poeten. Die Herausgeber Jan Wagner und Bjoern Kuhligk haben sich
unter ihren Altersgenossen umgesehen und neben Stars wie Albert
Ostermaier oder Marcel Bayer vor allem unbekannten Lyrikern Raum
gegeben. Und siehe da: Nichts ist verloren. Die Jungen dichten munter
drauf los, lakonisch und mit viel Groove. Im Vorwort bemht sich
Gerhard Falkner um die Umschreibung dieser neuen Gruppierung und
scheitert: "Vielleicht ist das die erste schlagwortlose, die erste
No-Name Generation ueberhaupt," staunt er. Wie befreiend! "Das Leben
blendet. Die Lyrik erschafft daraus einen Blick. Der Blick klingt
gut", merkt Falkner. So simpel und so wahr. Die Lyrik von jetzt
kann sich lesen lassen. "manchmal ist das leben ein/ kleiner billiger
film den du/ nicht mehr nachsynchronisieren/ musst" dichtet Ostermaier.
Das sitzt. Die Lyrik holt aus - selten klang sie dabei so fit. Das
Poesiefestival Berlin geht morgen, 20 Uhr, mit "Weltklang - Nacht
der Poesie" am Potsdamer Platz zu Ende.
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