Was
ist Poetry Slam?
Slam Poetry ist inszenierte
Bühnen-Poesie
Poetry Slam - ein Format, das Lust auf Lyrik macht, das zum Selberschreiben
animiert, jedoch keine reine Hobbykunst erzeugt, sondern ein auch theoretisch
interessantes Genre auf die Bühne bringt: Slam Poetry. Diese literarischen
Texte sind inhaltlich und stilistisch vielfältig. Gemeinsam ist ihnen:
Sie sind in Szene gesetzte Poesie.
Durch ihre Medienaffinität, ihre Mündlichkeit und ihre Verortung
in der Eventkultur sind sie eine moderne Ausdrucksform, die dennoch generationenübergreifend
ist.
Slam Poetry entsteht selten spontan. Die auftretenden Poeten verfügen
über ein Textrepertoire, das aus meist auswendig gelernten und mit
hoher Konzentration performten, d. h. gestalteten Texte besteht, die meist
auch außerhalb von Poetry Slams bereits veröffentlicht sind
bzw. auch in anderen Veranstaltungen (Lesebühnen, Kabarett- und Comedyprogrammen,
Poetry-Tourneen) glücken.
Auf einem Poetry Slam müssen die Texte bestimmte Regeln erfüllen:
Die öffentlichen, meist monatlich stattfindenden Veranstaltungen
geben den Live-Poeten pro Auftritt "gefühlte" fünf
Minuten. Der Auftritt darf kein reines Gesangsstück sein, auch Kostümierung
verstößt gegen die allgemeinen Regeln. Eine Publikumsjury bewertet
die Inszenierung des Textes, d. h. nicht nur seine inhaltliche, sondern
auch seine vortragstechnische Gestaltung (Mimik, Gestik, Verständlichkeit,
eigene Anmoderation, Kontextuierung, Einsatz der Stimme).
Die Idee des Dichterwettstreits durchzieht die Literaturgeschichte von
Homer und Hesiod über die höfischen Dichterwettkämpfe des
Mittelalters zu Goethe und Schiller bis zum weltweit vernetzten Poetry
Slam mit den jährlich ausgetragenen Meisterschaften, die im deutschsprachigen
Raum seit 1997 stattfinden. Dieses Veranstaltungsformat wurde von dem
US-Amerikaner Marc Kelly Smith in Chicago ab Juli 1986 als Alternative
zur Dichterlesung etabliert. Das grundsätzlich Innovative an der
Slam-Bewegung ist die direkte, durch Punkte von 1-10 oder durch Applaus
geäußerte Publikumsrückmeldung auf einen Auftritt, die
Verbindung von Inhalt und mündlicher Vortragskunst (Performance)
und die selbstorganisierte, auf gegenseitigen Einladungen und Auftritten
basierende, literarisch motivierte Gemeinschaft der Slam-Poeten und der
Veranstalter. Poeten vertreten oft die Städte, deren lokalen Slams
sie sich zugehörig fühlen. Sie reisen viel umher und sind zu
Gast bei den über 80 regelmäßig monatlich stattfindenden
Slams im deutschsprachigen Raum (Österreich, Schweiz, Deutschland).
Nicht nur das Publikum, auch das literarische Netzwerk fördert, sichert
und verbessert die Qualität der Auftritte und erschafft so neue innovative
Elemente der Slam-Kunst. Aus der Idee des Team-Auftritts bei den jährlich
stattfindenden deutschsprachigen Meisterschaften generierten sich z. B.
Boy- und Girl-Groups wie "The Boyz with the Girls in the Back"
und SMAAT.
Merkmale von Slam
Poetry
Slam Poetry ist nur vage den traditionellen Gattungen zuzuordnen, sie
enthält vielmehr innerhalb von Einzeltexten bzw. im Genre allgemein
eine Verbindung prosaischer, lyrischer und dramatischer Formen. Durch
die zahlreichen rhythmischen, verdichteten und klangbetonten Texte zeigt
Slam Poetry, dass die lyrischen, aber auch dialogisch-dramatischen Formen
keineswegs den Rückzug innerhalb der Gegenwartskultur angetreten
haben.
Die Wirkung eines Slam-Textes ist auf den ersten Blick an den Bewertungen
ablesbar. Ein mit Höchstnoten ausgezeichneter Slam-Text hat einen
"kollektiven Orgasmus" (Bob Holman) erzeugt, was heißen
soll, dass der Poet mit seiner Performance für genau dieses Publikum,
im Kontext der anderen Texte und auf genau diesem Slam Euphorie und größte
Zustimmung ausgelöst hat. Kriterien für das Glücken eines
Slam-Textes gibt es ebenso wenig wie für andere ästhetische
Produkte. Es können jedoch Merkmale beschrieben werden, die formal
an jahrhundertealte Kennzeichen oraler Dichtung anknüpfen und inhaltlich
gegenwärtige Literaturströmungen aufnehmen und erweitern.
Zeitgemäß
zeitlos: Vom Archiv zur Interaktion
Im Gegensatz zur Popliteratur stellt Slam Poetry einen produktiven Akt
und keine bloße Widerspiegelung von Ereignissen und Erlebnisse dar:
In einer adressatenorientierten, dramaturgisch gestalteten Inszenierung
wird in Slam-Texten das popliterarische Archiv der Marken und Konsumartikel
ironisch gebrochen. Die Selbstinszenierung des Ich-Erzählers in Pop-Romanen
weicht der Übernahme einer Sprecherrolle, in die sich das Publikum
hineinversetzen können soll. Auch Tendenzen der Wertungslosigkeit
in der Popliteratur (offener Schluss, oberflächliche Beschreibungen,
Entscheidungslosigkeit, "Looser"-Pathetik) werden enttarnt,
ohne dass Slam Poetry moralisierend angelegt wäre. Um Gegenwart zu
reflektieren, bedient sich Slam Poetry durchaus humoristischer Mittel,
vor allem der Ironie. Sie entfernt sich gerade dadurch aber von einer
hedonistischen Spaßkultur und bietet und fordert in einem zeitgemäßen,
da mündlich und audiovisuell präsentierten Format, aktive Teilhabe
an kultureller und gesellschaftsbezogener Praxis.
Petra Anders
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