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Poem

Regie: Ralf Schmerberg

DER TAGESSPIEGEL, 10.2.03 über die Poem-Premierenparty:
"...Film, der versucht, zu Gedichten Bilder zu finden. Ein Dichterfürst hielt dies für kaum gelungen. (...)"

"POEM" - PATHOS & PLAGIATUR
VON DER RELIGION ZUR REGIE UND ZURÜCK
Film-Preview von Tom de Toys für www.spokenwordBerlin.net
Ebenso erschienen in: Clubmagazin "Flächenbrand" Nr.2 (Mai/03)
www.fire-club.com

Am 8.Februar 2003 feierten in der Berliner Volksbühne Meret Becker, Smudo und Hermann van Veen in grosser geschlossener Gesellschaft ein "Freundeprojekt" des Stuttgarter Fotografen und Werbefilmers Ralf Schmerberg:
die Welturaufführung einer theatralischen Collage aus 19 suggestiven Gedichten mit über 55 metaphorischen Anspielungen auf ein anachronistisches Weltbild rund um das psychistische Phantom Gott, bemüht vorgetragen von betroffen wirkenden Schauspielern, die vermutlich noch nie einen originalen Poetryclip der internationalen Spokenword-Szene gesehen haben (geschweige denn die Fernsehserie "The United States of Poetry" von Bob Holman), um den Vorwurf einer ungewollt peinlichen Imitation nachvollziehen zu können.

19 aneinander gestückelte Szenen mit 21 expliziten "Himmel"-Textstellen und massig weiteren frömmelnden Bildern (wie z.B. "reiner Strahl", "Sinn dahinter", "ewig Rätselvolles" und "schwarze Sonne") ringen vielmehr um Schmerbergs "ganz privaten Traum" (ZDF aspekte, 28.9.01) anstatt um "die letzte Ortschaft der Worte" (Rilke): die Dichtung.
Und die bombastische Sounduntermalung vertuscht insgesamt 40 Textfehler (z.B. "Hügel weit" statt "Flügel weilt") derart, daß die PROSTITUTION DER POESIE im Applaus der hypnotisierten "kooperativen" 53. Berlinale-Ehrengäste unterging.

Das Leinwandspektakel beginnt mit dem spätpubertären "Alles!" der Ex-Socialbeat-Jungautorin Antonia Keinz, die "in die Wolken" will - und endet im Nachspann bei Schillers Suche "über Sternen" nach dem Schöpfer von diesem "Allesallesalles". Noch nicht einmal Jandls Glaubenssabotage kann da (trotz wilden Szenen-Applauses für den modisch-komödiantischen Vortragsstil) verhindern, daß in der dazwischen erzählten Geschichte über Vergänglichkeit und Weltflucht genau genommen nichts passiert ausser kostspieligen Schauplatz- und Kostümwechseln.
Schmerbergs allzu menschliche Geschichte vom Werden und Sterben bleibt dem ungebrochenen Idealismus klassisch wehmütiger Hoffnung auf einen "lieben Vater" und "stets Bewegten" verpflichtet und legt dafür Darstellern wie Klaus-Maria Brandauer melancholische Worte in den Mund, die zu einer kitschigen Akkumulation metaphysischer Synonyme führen: Von Freiheit, Liebe, Seele und Licht über Zauber, Wunder, Schönheit und Gold bis hin zu Meer und Ewigkeit wird hier mithilfe von Hesse, Heine, Goethe und Celan in Spielfilmlänge einer orthodoxen Naivitaet gefrönt, bei der sich ein nicht vertretener Dichter wie Nietzsche im Grabe wälzen müßte!
Selbst Mascha Kaléko ist nicht wirklich "grundlos vergnügt", obwohl der Titel den lebensphilosophischen Laien täuschen mag, und ein Vergleich zwischen der verstümmelten Ode "An die Freude" (im arg verkürzten Geschlechterkampf-Finale) und der dafür ausgemusterten "ÜBERSTRÖMUNG" von Winfried Wandler
(siehe: www.wulle.de/GGN/WinfriedWandler/ueberstroemung.html )
zeigt deutlich, "wo der Unbekannte thronet" (Schiller), wenn es eine Schmerberg-Sekte gäbe, nämlich "überm Sternenzelt" - anstatt durch "übermenschlichen Schweiss quantenmechanisch-neuromagnetischer Liebe" zu verrosten.

Dieses eigentlich ambitionierte Poetryfilm-Projekt hätte zum repräsentativen Vorzeigestück der subversiven Underground-Szene avancieren können, wenn die Mischung aus Konventionen und Visionen gestimmt hätte. So aber ist es "nicht unbedingt geeignet, die Massen ins Kino zu locken" (SZ, 20.8.01). Oder nur diese...
Ab dem 8.Mai wissen wir laut Vertriebsfirma angeblich mehr.

tom de toys, / 24.4.2003

NEBEN "Spiegel" HIER BEI "aspekte" DER BISHER ZWEITE ARTIKEL DER SICH AUF
MEINEN VERRISS BEZIEHT: diesmal mit den stichwörtern "PATHOS" & "KITSCH",
hier natürlich kein verriss sondern klüngel :-)

ALLERDINGS *(ZITAT):
>> Es lauern die Kitschfalle, die Pathosfalle, die Oberflächlichkeitsfalle.
Schmerberg fällt nicht darauf herein, er findet immer sehr gute Bilder, auch
wenn sie manchmal die Sprache verdecken. Gedichte, diese autonomen
Kleinlebewesen, sind der Albtraum der Dramaturgen. Wenn sie GUT sind, sind
sie Welten für sich, INKOMPATIBEL; wenn sie Zyklen sind, sind sie meistens
schwach. << *(Hervorhebungen durch G&GN)

: wenn man diesen auszug analysiert, behauptet Herr Sommer doch genau
genommen, daß Schmerberg SCHLECHTE gedichte verwendet hat, WEIL sie
kompatibel genug waren, oder? seltsam seltsam... auf jedenfall gibt es
täglich immer mehr TOTAL WIDERSPRÜCHLICHE rezensionen im netz: wo die einen
in den himmel loben, da nörgeln die anderen.

ABER: keiner außer mir hat sich bisher mit der GRUNDBOTSCHAFT
auseinandergesetzt, mit dem klassisch-metaphysischen (idealistischen)
weltbild, dem religiösen anachronismus, der hier vermittelt wird. dabei ist
DAS normalerweise das erste, wonach man fragen sollte - sehr seltsam...

--->

www.zdf.de/ZDFde/inhalt/8/0,1872,2044904,00.html
aspekte Kino-Tipp von Michael Sommer

Poem
Die Welt der Poesie im Kino

Gedichte im Kino - das ist wirklich etwas Neues auf der Leinwand. Und weder
Langeweile noch Pathos kommen auf: Der neue Film von Ralf Schmerberg ist ein
abwechslungsreicher und opulenter Bilderreigen.

Ein muskulöser Sherpa wandert durchs wilde Nepal. Steinig, grün und braun ist
die Landschaft, der Himmel fängt unmittelbar darüber an. Auf dem Rücken, in
einem Holzgestell, trägt er einen alten Pilger. Dieser dreht eine Gebetsmühle
und lässt sich tragen. Vorerst noch kein Gedicht, das kommt später. Erst mal
anschauen. Schmerbergs Film trägt das Publikum durch sonderbare, aber
wunderschöne Landschaften von Lyrik.

Großes Staraufgebot
Viel Herzblut hat er für seinen Film vergossen, sich Zeit genommen,
freiwillig und aus ökonomischem Zwang, denn die Produktion kommt ganz ohne
öffentliche Subventionen aus. Nach drei Jahren Produktionszeit wird "Poem"
Anfang Februar auf der Berlinale zum ersten Mal öffentlich gezeigt, nicht im
Wettbewerb, sondern als Beitrag zum Berlinale Campus, dem Forum für den
Filmemacher-Nachwuchs.

Durch seinen lang anhaltenden Enthusiasmus konnte Schmerberg eine
erstaunliche Reihe von Schauspielern und Mitarbeitern versammeln. Klaus Maria
Brandauer, Herbert Fritsch, Meret Becker, Jürgen Vogel und Hannelore Elsner
sprechen und spielen; Kameraleute wie Darius Khondji (Panic Room, Seven,
Delicatessen) und Robby Müller (Dancer in the Dark, Buena Vista Social Club,
Paris, Texas) filmen einige der neunzehn Episoden in extrem kontrastreichen
Visualisierungen.

Lyrik im Kino?
Neunzehn deutsche Gedichte schmiedet Schmerberg in einen Film um, teils von
renommierten Klassikern wie Goethe, Bachmann und Celan, teils aber auch von
jungen und eher unbekannten Autoren wie Selma Meerbaum-Eisinger oder Isabel
Tuengerthal. Sowohl die Auswahl als auch die Umsetzung sind Schmerbergs
eigene und oft eigentümliche. Keine Allgemeingültigkeit, keine
Literaturgeschichte, sondern der eigene Blick auf die Welt, auf Geburt,
Liebe, Tod und was sonst noch so wichtig sein könnte.

Hintergrund
"Poem" - wie der Film entstand
www.zdf.de/ZDFde/inhalt/28/0,1872,2011452,00.html

Viele Fallen warten auf den Filmemacher, der auszieht, Gedichte ins Kino zu
bringen. Kein Theaterstück kann man so schlecht inszenieren, keinen Roman so
schlecht verfilmen, wie man Gedichte beim Vortrag zerstören kann. Es lauern
die Kitschfalle, die Pathosfalle, die Oberflächlichkeitsfalle. Schmerberg
fällt nicht darauf herein, er findet immer sehr gute Bilder, auch wenn sie
manchmal die Sprache verdecken. Gedichte, diese autonomen Kleinlebewesen,
sind der Albtraum der Dramaturgen. Wenn sie gut sind, sind sie Welten für
sich, inkompatibel; wenn sie Zyklen sind, sind sie meistens schwach.

Bilder und Worte sind ein Gedicht
Einen großen Zusammenhang gibt es nicht, die Gedichte sind episodisch
aneinander gereiht. Also: "Sophie" von Hans Arp, gesprochen von Hermann van
Veen, der in einem verlassenen Haus im Staub seine Erinnerungen zusammen
sucht. Unmittelbar darauf Marcia Haydée, die in einem Hotelraum in Rio Else
Lasker-Schüler rezitiert. Zwischendrin läuft der Sherpa weiter durch Nepal.

Wenn die Balance zwischen sprachlicher und visueller Komposition hält, ist es
groß. Bilder und Worte klingen zu einem Gedicht zusammen, wenn Schmerberg
Paul Celans eigene Rezitation von "Tenebrae" benutzt, um mit dem Christentum
abzurechnen: Unbarmherzig scharf klingt Celan zu den Bildern von
andalusischen Prozessionen in der Karwoche, die Religion ist auf Qual und
Entmenschlichung reduziert.

Und dann der Kontrast: endlich kommt der alte Mann mit der Gebetsmühle im
Kloster seines Lama an. Zu den Rilke-Versen "Siehe, ich wusste es sind" kann
der Alte wieder laufen, nimmt die Hand des "Little Buddha", hat seine
Erleuchtung gefunden. Böser Katholizismus, guter Buddhismus? Schmerberg
interessiert die Menschlichkeit, und deshalb kann man ihm dieses Resümee
nicht übel nehmen. Auch wenn in der einen oder anderen Umsetzung die Gedichte
gegen die Bilder abfallen, ist dieser Film so sehenswert wie neuartig.

Poem Deutschland 2002 Regie: Ralf Schmerberg
Darsteller: Meret Becker, Carmen Birk, Anna Böttcher, Márcia Haydée, Hermann
van Veen, David Bennent, Luise Rainer, Klaus Maria Brandauer, Jürgen Vogel
Verleih: Ottfilm FSK: ab 6 Länge: 91 Minuten Kinostart: 8.5.2003

TOMDETOYS-SKANDALKRITIK ZUM DIREKTEN VERGLEICH:
www.kultura-extra.de/film/filme/poem.html